Parzival, der Menschheitsrepräsentant
Warum ein Epos aus dem 13. Jahrhundert höchst aktuell ist
Rudolf Steiner hat tatsächlich Parzival auch als den Menschheitsrepräsentanten bezeichnet. Und er hat auch davon gesprochen, dass alle Menschen, die den Schulungsweg ernsthaft gehen, esoterisch den Parzival-Namen tragen. Warum der Menschheitsrepräsentant sowohl den Christus wie auch Parzival darstellen kann, wird vielleicht durch die wesentliche Aufgabe Parzivals deutlich: Völlig von der damaligen allgemeinen christlichen Kultur abgeschnitten musste er ganz neu und nur auf sich gestellt den Christus und das Erlebnis der Kommunion finden. Vor dieser Aufgabe steht angesichts des Untergangs des traditionellen Christentums auch der heutige Mensch.
Der Bezug auf den heiligen Gral und die Aufgabe des Parzival, auf eine ganz neue Weise zum Gralskönig zu werden, findet sich an vielen Stellen im Gesamtwerk. Eine der ergreifendsten Schilderungen ist im Band 148 der GA. Hier spricht Rudolf Steiner unter für ihn besonders herausfordernden Umständen über sehr intime christologische Inhalte. Dabei kommt er unvermittelt darauf zu sprechen, dass sich der heutige Mensch unbedingt die Parzival-Stimmung bzw. Fragehaltung angewöhnen müsse. Am Ende der Geheimwissenschaft im Umriss bezeichnet der die Anthroposophie als die Wissenschaft vom Gral. Grund genug, sich mit dem Geheimnis des Grals und der Menschen um ihn herum gründlich zu befassen. Hier meine Lesevorschläge:


Wie bei allen gewichtigen spirituellen Texten der Menschheit gilt auch hier: Entscheidend ist das inneres Erlebnis, die Verwandlung unseres menschlichen Wesens im Nacherleben dessen, was die überlieferten Texte schildern. Sie sind eigentlich nur die Tore oder Wegweiser zu solchem Erleben. Allerdings sind die Tore nicht immer leicht zu durchschreiten und die Wegweiser nicht gut zu entziffern. Das ist der Grund, warum die vielen Besprechungen, Erläuterungen und Forschungen berechtigt sind und hilfreich für den suchenden Menschen sein können.


Was bisher nicht zur Sprache kam: Wolfram ist nicht der einzige, der im Mittelalter bedeutendes über den Gral und die Gralssuche zu sagen hatte. Chrestien de Troyes »Perceval oder die Geschichte vom Gral« ist vor dem Epos Wolframs erschienen und gilt als eine seiner Quellen. Seine Erzählung unterscheidet sich markant bei der Beschreibung des ersten Besuchs Parzivals in der Gralsburg. Die Erzählung ist insgesamt knapper und nicht vollendet. Chrestien der Troyes Text ist absolut lesenswert. Ich habe noch ein einziges Verkaufs-Exemplar, beim Verlag ist es nicht mehr bestellbar. Wer es erwerben möchte, schicke mir eine E-Mail – und wenn es verkauft ist, helfe ich auch gerne bei der antiquarischen Beschaffung.
Mir scheint allerdings die ganze Diskussion über die »Quellen« am Wesentlichen vorbei zu gehen. Hinter dem, was in den Gralsgeschichten geschildert wird, steht eine geistige Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist aber nicht in einer bestimmten äußerlichen Sprache formuliert in einer Cloud zu finden. So wie uns »Quellen« (z.B. die ganze Anthroposophie) helfen, dem Erleben der geistigen Wirklichkeit näher zu kommen, können Quellen auch Wolfram (oder auch Rudolf Steiner) geholfen haben, zu eigenen Einsichten zu kommen. Auch in der Ausformulierung für die Zeitgenossen und die danach kommenden, ist die umfassende Kenntnis anderer Schriften hilfreich. Wenn ich aber Menschen wie Wolfram als Eingeweihte ernst nehme, schiele ich nicht auf äußerliche Quellen, sondern befasse mich mit dem, was sie uns als authentische Wiedergabe ihrer Erkenntnisse mitteilen, um irgendwann selbst zu der wahren Quelle zu finden.
Hier nun weitere dieser wunderbaren Hilfen:




Natürlich stelle ich mir die Frage, welche Bücher aus der Rudolf Steiner Gesamtausgabe ich hinsichtlich des Themas Parzival und die Suche nach dem Gral empfehlen möchte. Meine Hauptempfehlung: Lest möglichst viele Bände der GA! An vielen Stellen im Gesamtwerk ist wird auf die Gralsströmung bezug genommen. In den bisher genannten Büchern finden sich viele Hinweise auf Vorträge oder Schriften von Rudolf Steiner. Ein wichtiger Teil meines Studiums der Anthroposophie fand genau so statt: Autoren wie Sergej Prokofieff oder die bisher genannten verweisen auf Äußerungen Rudolf Steiners, woraufhin ich mir die genannten Bände der GA beschafft und gelesen habe ... Hier zwei Bände, in denen explizit auf den Gral eingegangen wird:


Um nocheinmal auf weiter gefasste Darstellungen zu kommen: Sergej Prokofieff hat auch zum Gral gewichtiges dargestellt. Vor allem könnte es in der heutigen Zeit dazu dienen, ein zukunftsfähiges und positives Verhältnis zum russischen Kulturraum einzugehen.






